Patrik Sebastian Schmidt

Umgang. Zu Mühlenbrink.

Aus: Jochen Mühlenbrink, ROHSTOFF, Radius-Verlag, Stuttgart, 2011

 

Das ist das Telefon, das ist die Nacht. Das ist MÜHLENBRINK, der fragt: Lisa, hab ich dich geweckt?

- Ja.

- Lisa, kannst du mir helfen? Du musst. Mein Katalogschreiber hat mich im Stich gelassen, hat hingeworfen. Ich brauch aber den Text, für die Ausstellung, unbedingt.

Lisa überlegt. MÜHLENBRINK hofft.

- Bis wann?

MÜHLENBRINK lacht (verzweifelt): Bis morgen früh, verehrtes Publikum, bis morgen früh, so lange will ich natürlich nicht sprechen, der Redner hielt inne, ließ Gelegenheit zum beifälligen Schmunzeln, ein ekelhafter Typ dieser Hornbichler, flüsterte Frank, der bei all den Leuten kaum etwas sah, seiner Frau zu, laut ist der, hager wie einer, der sich ausspart, aber fleischlos aufgedunsen im renommierten Gesicht, aus dem er sich nachdenklich die Brille gezogen hatte: Nun, meine Damen und Herren, so literarisch also, war ich überzeugt, muss sich meine Rede vom Künstler Jochen Mühlenbrink anschicken. Freilich, das war töricht. Wissen Sie, was dialektische Inkonsistenz ist? Nein? Ich auch nicht. Hornbichler dröhnte ein Sekundenlachen. Er putzte seine dickrandige Brille am Ärmel, der fettschmalzig war, wie das verraufte schwarze Haar. Ich hatte, fuhr er fort, bei einem Atelierbesuch Gelegenheit, ausführlich mit Mühlenbrink über seine neuen Arbeiten zu sprechen. Er eröffnete mir ihr Zustandekommen als Ausdruck eines Suchens, in das er sich mehr und mehr versetzt sah. Zu den Motiven, die ihm wichtig waren, hatte er Stellung genommen, hatte sich an ihnen abgearbeitet. Und jetzt? Was macht Mühlenbrink in dieser Situation? Erstaunliches! Er wendet sich ab, von den entscheidenden Polen, die Kunst konstituieren, von ihrer Materialität einerseits: Er wendet sich vom Malgrund, der Leinwand ab, dreht sie um. Von ihrer Idealität andererseits. Denn was sind diese Bilder, wenn nicht die Frage: Wo ist das Motiv, wo der Inhalt? Was wir sehen ist die Rückseite aller Leinwände, und sie ist leer! Kontinuitäten gibt es, natürlich. Malerkoffer III, 2010, Öl auf Holz und Pressspan/ Oil on wood and pressboard, 22 x 67 x 75 cm  heißt eines der Objekte. Aber was bedeutet es, wenn der Malerkoffer, vorher im Bild, jetzt Objekt ist? Ist das noch die selbe Kiste? Täuschen wir uns nicht, wenn wir glauben, aus diesem Pappkarton noch etwas heraus holen zu können? Ist es denn ein Pappkarton? Nein, bei Leibe nicht. Da ist nichts zu öffnen, nur kaputt zu machen, in der Metapher kommen wir nicht weiter. Hornbichler warf seine Sätze in wildem Schwang unter die Gäste, die von Mühlenbrinks Kunst ringsum dicht gedrängt wurden. Mühlenbrink, erklärte er, vollzieht also eine offene Abkehrbewegung. Aber Bewegung, motus im Lateinischen, das ist es ja gerade, meine Damen und Herren, Hornbichler holte Luft, wie ein Blasebalg, den Furor weiter anzufachen, Frank hätte am liebsten sein Sektglas nach ihm geworfen, so ein Idiot, dachte er, und wollte sich mit seiner Frau auf einen verächtlichen Blick einigen, allein, seine Frau lauschte dem lauten Redner gebannt. Frank wusste, worauf Hornbichler hinaus wollte, dass diese Abwendung eigentlich eine Hinwendung sondergleichen sei, zum Material, Leinwand, Holz, Pappe gar? Genauso hin zur Frage ihrer Darstellung, und dabei in allem: Die Emanzipation der Malerei von Material und Idee, die Emanzipation des Kunstwerks in und von seiner Geschaffenheit. Was er kaum ertrug: Dass Mühlenbrink so offen mit Hornbichler gesprochen hatte, noch dazu im Atelier, im Kreise seiner Arbeiten, Frank hatte es hart gefühlt, wie ein obszönes Wort aus unberufenem Mund. Mühlenbrink und er waren Freunde seit Akademietagen, aber seitdem Frank in München war, hatte er Mühlenbrink nur ein einziges Mal in seinem Atelier in Düsseldorf besucht, das in einem alten Eckhaus gegen die Straßenkreuzung stakte, ein Schiffsbug gegen das Getöse, zugleich eine osmotische Mönchszelle, durchlässig gegen den Lärm und den Tag. Beinahe nur durch das handfest schmutzige Draußen schien dieser Raum konstituiert, in den man trat. Und da musste doch auch ein Hornbichler verstehen, dass es Mühlenbrink um die Räume geht, die die Kunst aufmacht, und um den Stand der Dinge in diesen Räumen. Wie viel Raum ist im Anlehnen zweier Leinwände im Bild? Und in einem Triptychon von Anlehnungen, in dessen Rahmen die ganze Welt als Licht fällt? Und wäre das mehr oder weniger Raum, als der Bildraum, der unserem Blick noch in diesen rohen Bildern von nackter Leinwand gemalt ist? Und muss in diesen Räumen Ordnung gelten? Und welche? Vor Schöner Sterben, 2010, Öl auf Leinwand/ Oil on canvas, 100 ax 74 cm hatte es Frank vorhin lange gehalten, trotz der Gedrängtheit in der Galerie. Waren Mühlenbrink und er sich auch in den letzten Jahren nicht fremd, aber fremder geworden, so hatte Frank ihn doch in diesem Moment verstanden geglaubt. Woran sein Freund nie müde wurde, das war, der Ordnung eine Anfechtung entgegenzustellen, und diese Anfechtung heißt: Ich male. Die Ordnung von Flüchtigkeit und Beständigkeit aus der Serie Pack ist nur auf den ersten Blick eine Ordnung, und damit ist sie eine andere Ordnung. Aber, las Patrik weiter, peinlich bedacht, den Blick nicht vom Blatt zu heben, auch diese Deutung wäre eine bestimmte Ordnung, Mühlenbrink setzt ihr Mal Heur III, 2011 Öl auf Leinwand/ Oil on canvas, 100 x 74 cm entgegen, das im gebrochenen Rahmen gerade nicht die zusammengebrochene Ordnung zeigt, was das Bild festhält, ist als höherstufige Ordnung der Kunst selbst festgehalten. Es ist Schöner Sterben, 2010, Öl auf Leinwand/ Oil on canvas, 100 x 74 cm, das den Rausch der rauschenden Eintagsfliegen zufällig festhält, wie prähistorische Versteinerungen für die Ewigkeit, der Mensch erscheint zwar erst im Holozän, zuweilen aber scheint er durch, als Betrachter, der den Dingen die Illusion aufzwingt, wo sie doch ihre Gemacht-, Gemaltheit selten leugnen, sie vielmehr dick auftragen. Nicht zuletzt aber in der anrührenden Schönheit vieler Arbeiten Mühlenbrinks, zuweilen ganz ohne Metapher, ganz wirklich durchwirkt, wie in Ohne Titel, 2010 Öl auf Leinwand/ Oil on canvas, 100 x 74 cm. Du, Mensch Patrik, lachte Jochen, als dieser geendet hatte, das kannst du doch nicht machen - viel zu ernst, viel zu pathetisch. Patrik nahm sich gekränkt das letzte Stück kalter Pizza aus dem Karton. Und das ist die Nacht, in die Lisa geweckt ist, Mitten in die schwarze Nacht, die keine Mitte hat, die das Fenster ist, an dem Lisa steht. Unten pinkelt ein Obdachloser selbstgewiss in den Schnee.