Jochen Ludwig

Jochen Mühlenbrink, Ohne Titel (Amerika), 2012

Aus dem Katalog zur 66. Internationalen Bergischen Kunstausstellung, Kunstmuseum Solingen, 2012

 

Wie der Blick von oben hinein in eine Arena. Die Suggestion von Tribünen und Spielfeld. Latentes Chaos auf den Rängen. Unrat, der nach dem Schlusspfiff zurückgelassen wurde. Mit Pfeil zum Notausgang. Vielleicht aber auch ein Platz nach einer Demo, leergefegt. Die Markise eines Kiosks. Demoliertes Straßeninventar. Das könnten die ersten Eindrücke sein, wenn einem danach wäre, das Bild assoziativ zu lesen. Man weiß ja, was möglich ist, wenn Alltagsmaterialien bildnerisch verwandelt und mit Bedeutung aufgeladen werden.

Oder es ist einfach, was es ist. Ein Pappkarton als Bildträger. Reihenweise rundum mit Klebestreifen bedeckt, dem ekligen Haftmittel, Schrecken aller Restauratoren, das irgendwann auflöst und zersetzt, was es eigentlich dauerhaft halten soll. Wie die Papierschnipsel, deren angerissene Ränder allesamt zur Mitte hinweisen, vielleicht Reste eines Posters, verlorenes Motiv vor dem Grund. Mit Kratzern, Gekritzel und Farbspuren vielfachen Gebrauchs. Man könnte das bis ins kleinste Detail weitertreiben. Diese lustvolle Beschreibung einer aus Verlegenheit wie zufällig entstandenen Komposition.

Jetzt aber noch mal ganz anders. Denn alles ist gemalt. Alles ist Illusion, so perfekt vorgetäuscht, dass man es kaum glauben mag. Und doch geht es hier nicht, wie etwa in altniederländischen Trompe-l’oeil-Stillleben, um den Triumph der Malerei über das prüfende Auge des Betrachters. Es geht um ihr Vermögen, sich zwischen veristischen Verlockungen und einer sich ihrer selbst gewissen, selbst gewahr werdenden bildnerischen Autonomie immer wieder neu zu erfinden.

Gegenstand und Abstraktion gehören für Jochen Mühlenbrink zusammen. Nach dem Abbild der Wirklichkeit suchend, unterwandert er es im gleichen Pinselzug mit der Wahrheit von Farbe und Form, von Licht und Schatten, von Fläche, Raum, Gestus und Ausdruck. So begründet sich auch im Eigenanteil der malerischen Mittel das Bild der uns umgebenden Welt. Bedeutung und Form: Sie sind kaum voneinander zu scheiden und gelten doch beide ganz für sich. In dieser Komplexität liegt das Gewicht seines Werks, in der Offensichtlichkeit seines Zweifelns unser Gewinn.