Hans-Dieter Fronz

Der Maler der Malerei
 

Aus der Badischen Zeitung vom 2. 6. 2010

„Laster”: Ein Buch stellt die Kunst des gebürtigen Freiburgers Jochen Mühlenbrink vor

Laster – nein, nicht, was Sie jetzt denken, sondern: Lastkraftwagen, LKW!– sind ein wiederkehrendes Bildthema von Jochen Mühlenbrink. Der im Radius Verlag erschienene Band mit Malereien des gebürtigen Freiburgers, der in Ihringen am Kaiserstuhl aufwuchs, hat diesen Titel: „Laster”. Zur Vorstellung des Buchs im Freiburger Morat-Institut hing eine Reihe kleiner Formate – Beigaben für die Vorzugsausgabe der Publikation – an der Wand. Wie die Abbildungen im Buch spiegelten sie Themen und Tendenzen dieser Malerei. Etwa die Tendenz, den Unterschied von Bildkunst und Wirklichkeit zu reflektieren – und punktuell zu überspielen, indem in manchen Arbeiten an unbemalten Stellen der Bildträger zum Vorschein kommt und so zum Bildelement wird. Oder indem monochrome Arbeiten Klebestreifen tragen, als handelte es sich nicht um Bilder, sondern um Verpackungsmaterial für dieselben. Ein Bild zeigte Einschnitte wie die Kratzspuren einer Katze.
Als bisher jüngstem Künstler widmete die Zeitschrift „Plateau” (diese, so Franz Armin Morat, „authentischen Annalen der zeitgenössischen Kunst”) Mühlenbrink eine Ausgabe. Und kein Geringerer als der Düsseldorfer Kunsthistoriker und Publizist Siegfried Gohr, der vor einiger Zeit auf den heute 30-Jährigen, der in Düsseldorf bei Markus Lüpertz studiert hatte, aufmerksamgeworden war, steuerte zu dem Laster-Band einen Text bei. Bei der Buchpräsentation hob er Mühlenbrinks Kunst gegen die modischen Neo-„Rauch-Zeichen” einer mehr illustrierenden Richtung in der gegenwärtigen Malerei ab. Bei Mühlenbrinks Kunst handle es sich demgegenüber um „Malerei-Malerei”, insofern das Sehen selbst zum Thema werde und es zentral um die Frage gehe, was das überhaupt sei:Malerei.
Malend reflektiert Mühlenbrink die Geschichte der Malerei. Die die Bildfläche annähernd ausfüllenden Rückseiten der Laster, die als einziges Bildmotiv meist gar nicht auf Anhieb erkennbar sind, lassen an Abstraktionen denken und evozieren als farbige geometrische Flächen Strömungen wie Farbfeldmalerei und konkrete Kunst. Ein „Laster, schwarz” vereindeutigt sich im nächsten Bild zum Malewitsch zitierenden „Quadrat, schwarz”. Ein Kiosk löst sich tendenziell in ein Ensemble von Farbfeldern auf, schneeverwehte Winterlandschaften sind Fast-Monochromien. Und zwei Stillleben kredenzen dem Auge als Frucht von Malerei nichts als gestische Pinselwischer und informelle Farbnebel.

Neben solcher Auseinandersetzung mit der Malerei-Tradition stechen Zeitkommentare ins Auge. In einer vollbesetzten Fußball- „Arena” hat sich unter großspurige Reklamesprüche à la „Nichts ist unmöglich” als Mühlenbrink’sches Aperçu zur Gegenwart ein nachdenkliches „Die Welt steht still” gemogelt. Das riesige Querformat „Stau” führt solche Erstarrung in surrealer Anschaulichkeit vor Augen: eine Landschaft bis zum Horizont von einem Heer stehender Autos bevölkert – Stillstand als heimliche Signatur der entfesselten Dynamik unserer Zeit. In der Häufung von Motiven wie einstürzenden Neubauten, brennenden Tankstellen und Supermärkten oder Überschwemmungen entfaltet Mühlenbrinks Zeitkommentar spöttisch zugleich eine apokalyptische Dimension.