Christiane Vielhaber

„… und man kommt durch nichts vom Menschen los!” (Francis Ponge)

 

Ein paar Gedanken zu den Bildern von Jochen Mühlenbrink

Auch wenn es sich auf den ersten Blick vielleicht etwas anders darstellen sollte, Tatsache ist jedenfalls, dass Mühlenbrinks Bilder vom Menschen handeln. Was allerdings nicht bedeutet, dass er den Menschen damit auch gleichzeitig zu seinem Thema macht. Denn das Thema dieses Malers ist ausschließlich die Malerei. Da genügt ja schon ein kurzer Blick auf seine Tableaus, um das zu erkennen. An keiner Stelle hat man den Eindruck, der Künstler möchte uns etwas über den Zustand der Welt erzählen, etwa indem er sich bemüht, dem Betrachter ein halbwegs realistisches Abbild davon zu liefern oder sich andererseits bemüht, bildnerische Metaphern für eine Wirklichkeitserfahrung zu finden. Die Wirklichkeit seiner Malerei spielt sich vielmehr direkt auf der Leinwand ab, nämlich durch die reale Präsenz der Farbe und ihrer höchst unterschiedlichen Materialität. Den eigentlich schönen Begriff „Ausloten” halte ich inzwischen leider für sprachliches Leergut und rede deswegen in Bezug auf diese Bilder und ihren Schöpfer viel lieber vom Ausprobieren und Herumexperimentieren mit der Farbmaterie. Quasi der Maler als Alchimist, dem es einmal gelingt, die Farbmaterie in einen lasierenden Farbnebel aufzulösen wie z.B. bei den „Schattenparkern”, und dem es anderswo gelingt, der Farbe ganz im Gegenteil sogar haptische Qualitäten zu verleihen, indem er sie als pastose Masse vorführt wie etwa bei den Zebrastreifen. Dadurch wirken sie wie eine Fortführung der Farbfeldmalerei mit überraschend sinnlichen Reizen, einmal davon abgesehen dass es neben diesem Farbkörper auch noch den Hinweis auf einen menschlichen gibt, der bekanntermaßen niemals von seinem Schatten getrennt werden kann.

Farbe, das zeigen wiederum andere Bilder, lässt sich nicht nur balkenhaft ausstreichen sondern auch ganz dünn ausziehen, wodurch eine verblüffend andere Wirkung erzielt wird. Denn wo wir es eben noch mit einer nahezu geometrischen Statik zu tun hatten, entwickeln strahlenförmig gezogene Farblinien eine dynamische Sogwirkung, die den Blick des Betrachters in Räume jenseits des Bildgevierts lenkt. Und das alles bloß wegen der paar wie flüchtig gezogenen Pinselstriche? Ja, so einfach ist das und zugleich so geheimnisvoll. 
Was Nietzsche einmal über die Sprache gesagt hat, ließe sich ohne große Sinnverrenkung auch auf die Malerei übertragen: „Das Verständliche an der Sprache (also: Malerei) ist nicht das Wort selbst (also: der Pinselstrich), sondern Ton, Stärke, Modulation, Tempo, kurz die Musik hinter den Worten (also hinter den Pinselstrichen), die Leidenschaft hinter dieser Musik, die Person hinter dieser Leidenschaft.”

Und damit wären wir beim Menschen, und zwar nicht nur bei jenem, der hinter diesen Bildern steckt, also bei dem Maler Jochen Mühlenbrink, sondern auch bei denen, die mehr oder minder sichtbar in diesen Bildern präsent sind. Denn mögen diese Malereien partiell auch abstrakt anmuten, so sind sie es ebenso wenig wie man sie als figurativ bezeichnen kann. Gleichwohl tauchen überall Figuren auf, als da z.B. wären Pfützen, Hinkekästen, Fenstersprossen, Parkmarkierungen, Graffiti, sich lemminghaft bewegende Wesen oder der lange Schatten einer menschlichen Figur, der sich schräg über die bereits erwähnten Zebrastreifen legt. Zu den Hinkekästen gehören die zwischen Himmel und Hölle hüpfenden Kinder, zu den verwaisten Parktaschen die Autofahrer, zu der leeren Zimmerecke mit dem wundersamen Lichteinfall (nur so ein bisschen weiße Farbe wie auch bei den himmlischen Spiegelbildern in den Wasserlachen!) der letzte oder auch künftige Bewohner und zu der anonymen Masse gehört der einzelne, dem ganz offenbar ihre Neugier gilt.
Mag sein, dass es die Abwesenheit des Menschen ist, die einige Bilder mit einem Hauch von Tristesse überzieht, gepaart mit einer Poesie der Vergänglichkeit (wobei sich nicht leugnen lässt, dass da auch immer eine Prise Humor oder Bildwitz mit im Spiel ist), was aber letztlich wirklich betört, das ist die Malerei selbst, die an keiner Stelle vorgibt, etwas anderes sein zu wollen. Ach und noch etwas: Auf mich wirken diese Bilder auch sehr menschlich!